Im Spätsommer ist es so weit: Fiona Furrer (27) empfängt Patienten. Die medizinische Praxisassistentin schaut ihnen beispielsweise in den Rachen oder ins Ohr, wenn es schmerzt. Die Konsultation für 58 Franken berappt der Patient aus eigenem Sack. Allfällig nötige Labortests oder eine Videokonsultation mit einem Arzt werden über die obligatorische Krankenversicherung abgerechnet.

Mini Clinic hat tiefere Fallkosten

Arbeiten wird Fiona Furrer in einer Medgate Mini Clinic. Eingemietet ist diese in einer zentral gelegenen Basler Apotheke. Damit startet Medgate-Gründer Andy Fischer den Aufbau eines integrierten ambulanten Versorgungssystems, das Gesundheitskosten spart und damit den Prämienanstieg dämpft. Die Fallkosten dieser Mini-Kliniken sind tiefer, weil die Praxisassistentin Routineuntersuchungen durchführt. Normalerweise übernimmt auch die ein Haus- oder sogar ein Spezialarzt.

Bisher betrieb Fischer die Tele Clinic in Basel. In diesem Telemedizinischen Zentrum beraten hauptsächlich Ärzte sowie einige Praxisassistentinnen rund um die Uhr Patienten am Telefon. Damit lassen sich mehr als 40 Prozent aller Fälle abschliessen. Was nicht möglich ist, sind einfache Untersuchungen am Patienten oder Blut- und Urintests. Daher müsse sein Personal einen Teil der Anrufer zu einem Arzt schicken: «Dieser macht dann häufig alles nochmals, was wir bereits gemacht haben. Das ist ineffizient und belastet die Prämienzahler.»

Tiefe Investitionskosten

Deswegen will Fischer innert fünf Jahren 100 bis 150 Mini-Kliniken für je 50'000 bis 100'000 Franken eröffnen. Das Investitionsvolumen beläuft sich auf höchstens 15 Millionen Franken. Eine Einheit besteht aus einem oder zwei Behandlungsräumen und einem kleinen Labor. Das Herzstück ist die Telebiometrie-Station. Mit diesem handlichen Roboter-Arzt kann Praxisassistentin Fiona Furrer oder eine Kollegin Patienten untersuchen. In rund 90 Prozent der Fälle lösen sie eine Videokonsultation mit einem Arzt in der Tele Clinic von Medgate aus. Er kann sich dabei auf die in der Mini-Klinik erhobenen Daten oder Bildbefunde abstützen. Dazu zählen auch Elektrokardiogramme, welche die Herzaktivität messen. Für die Videokonsultation stehen nicht nur Allgemeinärzte, sondern auch Spezialisten zur Verfügung.

Das Projekt ergänzt netCare, das mittlerweile mehr als 300 Apotheker anbieten. Sie geben nicht nur Medikamente ab, sondern behandeln Patienten mit einer Bagatellerkrankung gleich selber. Bei komplexeren Fällen schalten sie per Telefon einen Arzt im Telemedizinischen Zentrum von Medgate zu. In der Startphase entstehen Mini-Kliniken in TopPharm-Apotheken. Der Genossenschaft haben sich in der Deutschschweiz 130 selbstständig tätige Apotheker angeschlossen. Für TopPharm-CEO Stefan Wild ermöglicht die Zusammenarbeit mit Medgate eine moderne, sprich auch digitale Vernetzung des Apothekenteams mit Praxisassistentinnen und Ärzten: «Wir Apotheker müssen uns mehr auf die Wünsche unserer Kunden ausrichten.» Wer sich krank fühle, wolle sich am liebsten dort behandeln lassen, wo er ohne Voranmeldung einfach reinlaufen könne: «Das geht bei uns. Wir sind nah bei den Kunden.»

Mittlerweile haben sich bereits 25 Apotheker aus der ganzen Schweiz bei Medgate gemeldet, die Interesse am Betrieb einer Mini-Klinik haben. Wird eine Apotheke mit einer Mini-Klinik kombiniert, übernimmt die Praxisassistentin kompliziertere Fälle. Darauf freut sich Fiona Furrer: «Endlich kommen wir zum Zug. Ich kann selbstständig das machen, was ich gelernt habe. In einer normalen Praxis darf ich Untersuchungen am Patienten meist nicht durchführen.» Ebenso freut sie sich auf die Zusammenarbeit Apothekern.

Für sie wie Medgate ist das Modell finanziell interessant:

Der Apotheker teilt sich die Infrastruktur mit der Mini Clinic und spart damit Mietkosten. Obendrein bringt das mehr Kunden in das Ladenlokal. Wer mag, kann Vorsorgeuntersuchungen durchführen lassen. Benötigen Klinik-Patienten Medikamente, können sie diese gleich in der Apotheke beziehen. Sie werden dann über den jeweiligen Krankenversicherer abgerechnet.

Medgate verlängert seine Behandlungskette und damit seine Volumina. Mit dem Einsatz von Praxisassistentinnen will Andy Fischer die Ausgaben für ambulante Behandlungen in der Grundversicherung dämpfen. Er geht davon aus, dass sich die Fallkosten, inklusive Laboreinsatz in einer Mini-Klinik, mittelfristig auf rund 100 Franken belaufen: «Bei einem Arzt liegen sie bei 150 bis 200 Franken. Wir können es uns nicht mehr leisten, stets die teuersten Leute zu beschäftigen.»

Geht Fischers Rechnung auf, wird sein Angebot für Krankenkassen interessant. Sie könnten alternative Modelle lancieren für Grundversicherte, die im Fall einer Erkrankung stets eine Mini Clinic als erste Anlaufstelle nutzen. Dafür berappen sie diesen Patienten die Konsultationskosten von 58 Franken. Solche Versicherungsangebote wird es aber erst geben, wenn eine grössere Anzahl von Mini-Kliniken in Apotheken gestartet worden sind.

Fischer will mit seinem Projekt auch in Randregionen der Schweiz vorstossen. Also dorthin, wo Hausarztpraxen zunehmend verschwinden. «Es gibt Kommunen, die das spitze finden. Wir könnten Mini-Kliniken beispielsweise in Gemeindekanzleien einrichten.» Dafür ist Medgate auf innovative kantonale Gesundheitsdirektoren angewiesen. Denn heute darf eine Praxisassistentin nur Untersuchungen an Patienten durchführen, wenn ein Arzt in der Praxis anwesend ist. Im Fall einer Mini-Klinik müsste quasi eine Fernaufsichtsbewilligung erteilt werden. Nämlich an den Arzt in der Tele Clinic. «Das ist gesetzlich nicht einfach umzusetzen», sagt Andy Fischer.

App sagt, wohin es geht

Was noch fehlt: Der digitale Zugang zum Medgate-Versorgungssystem. Zurzeit lässt Fischer eine App für Handys entwickeln. In rund einem Jahr können sich Erkrankte über dieses Tool beraten lassen. Laut Fischer erfahren sie in 80 Prozent der Fälle, ob sie eine Mini Clinic aufsuchen, sich per Videokonsultation beraten oder eine Poly Clinic von Medgate aufsuchen sollen. In diesen Gruppenpraxen sind Spezialisten tätig. Zum Partner-Netzwerk zählen 1700 Ärzte und 30 Spitäler. Patientensteuerung per Handy: So sieht gemäss Fischer der effiziente Zugang aus zu qualitativ guter ambulanter Versorgung zu einem günstigen Preis.

Quelle: aargauerzeitung.ch